• Familie: Libellulidae – Segellibellen
  • Gattung: Orthetrum – Blaupfeile
  • Art: Orthetrum coerulescens (Fabricius, 1798)
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  • DE: Kleiner Blaupfeil
  • FR: Orthétrum bleuissant
  • IT: Orthetrum azzuro, Frecciazzurra minore
  • EN: Keeled Skimmer

Wissenswertes

Typische Art von Quellmooren und kleinen Bächen, kommt gelegentlich auch an langsam fliessenden Kanälen vor. Bei uns der kleinste Blaupfeil. Früher war die Art häufig, danach sind die Bestände stark eingebrochen. Seit einigen Jahren scheint sich die Art wieder zu erholen, ist aber nach wie vor nicht häufig. Sehr ähnlich der häufigeren Schwesterart Orthetrum brunneum, mit der sie sich den Lebensraum selten teilt.

Ortcoe10 M CK01
Ortcoe11 M DK01
Ortcoe12 M AB01
Ortcoe13 M DK01
Ortcoe20 W CK01
Ortcoe21 W CK02
Ortcoe30 P DK01.JPG
Ortcoe40 J BK01

 

Merkmale

Gesamtlänge: 36-45 mm

Der kleinste aller Blaupfeile in der Schweiz. Thorax meist mit hellen Antehumeralstreifen. Pterostigmen gelblich und lang (ca. 4 mm). Männchen und Weibchen sind sehr unterschiedlich gefärbt.

Männchen

Hinterleib komplett blau bereift, Thorax beim Jungtier braun, im Alter teilweise auch blau bereift. Gesicht gelblich-bräunlich, Augen blau.

Weibchen

Körper komplett gelblich bis bräunlich. Hinterleib mit dünner schwarzer Mittellinie und am Ende jedes Segmentes mit kurzen Querbalken ("Strickleiter"; Balken selten auch in zwei Punkte aufgelöst wie bei Orthetrum brunneum). Thoraxoberseite mit heller Linie zwischen den Flügelbasen. Unterseite von S8 nicht bauchig erweitert. Flügelansätze leicht gelblich.

Jungtiere

Selbe Merkmale wie Weibchen, heller. Antehumeralstreifen und weisser Strich zwischen Flügelbasen besonders deutlich. Blaupfeile färben eher langsam aus, dabei entstehen bei den Männchen während der Reifezeit verschiedene Übergangsformen.

Belegfoto

M: Sicht auf Abdomen und Thorax mit Stirn.
W: Sicht von oben auf Abdomen.

Verbreitung

Überall in Zentraleuropa weit verbreitet. Verbreitungsgrenze etwas weiter nördlich als bei Orthetrum brunneum.

Kommt in der Schweiz verstreut in tieferen Lagen aller Landesregionen vor. Am häufigsten ist die Art im östlichen Mittelland und im Tessin, in der Westschweiz ist sie ziemliche selten. Die meisten Vorkommen liegen unter 800 m, wandernde Individuen wurden bis 1800 m beobachtet.

 

Biologie

Phänologie

Schlupfperiode: Ende Mai bis Anfang August.
Flugzeit: Anfang Juni bis Anfang September.

Lebensraum

Orthetrum coerulescens besiedelt hauptsächlich langsam fliessende, sehr flache, sich rasch erwärmende, kleine Gewässer, welche oft von Grundwasser beeinflusst sind. Wichtig sind offene, sichtbare Wasserflächen und gute Besonnung im Sommer, sowie winterliche Eisfreiheit, hoher Sauerstoffgehalt und Feinsedimente am Grund. Die Ufervegetation ist meist stufig und 20-40 cm hoch. In der Schweiz besiedelt die Art vor allem Hangmoore, Kalkquellsümpfe, kanalisierte Kleingewässer sowie Wiesengräben und Bäche mit langsam fliessendem Wasser.

Lebensweise Imagines

Die Reifungszeit verbringen die Tiere in Flachmoorwiesen, Waldlichtungen oder auf Heideflächen. Manche Individuen wandern dabei auch weit umher, wobei sie sich an linearen Leitstrukturen orientieren. So werden neu entstandene geeignete Gewässer relativ schnell besiedelt.

Geschlechtsreife Männchen besetzen am Gewässer Sitzwarten, welche sie gegen Rivalen verteidigen. Dazwischen machen sie kurze Flüge über dem Gewässer. Ein am Gewässer erscheinendes Weibchen wird sofort ergriffen, die Paarung wird noch im Flug eingeleitet und entweder in niedriger Vegetation oder am Boden beendet.

Erfolgt die Eiablage gleich nach der Paarung, bewacht das Männchen das Eier legende Weibchen im Rüttelflug. Das Weibchen legt die Eier mit wippenden Bewegungen über Stellen mit seichtem/träge fliessendem Wasser ab. Dabei schlägt es das Abdomen wiederholt ins Wasser und gibt die Eier ab.

Der Schlupf findet am Gewässerrand an senkrechten Pflanzenteilen statt.

Lebensweise Larven

Orthetrum coerulescens überwintert im Larvenstadium, die Entwicklung dauert meist 2 Jahre, unter günstigen Bedingungen 1 Jahr. Individuen mit 2-jähriger Entwicklung schlüpfen meist am Anfang der Emergenzperiode, solche mit 1-jähriger Entwicklung eher am Ende. Larven leben im Schlamm/Feinsand am Gewässergrund. Sie können mit Fischen koexistieren.

Gefährdung und Schutz

In der Schweiz ist Orthetrum coerulescens potenziell gefährdet (NT). Im 20. Jahrhundert sind die Bestände stark zurückgegangen. Heute sind die Populationen stabil. In Primärlebensräumen ist die Zerstörung der Habitate (insbesondere die Entwässerung von Hang- und Quellmooren) die Hauptgefährdungsursache, in Sekundärlebensräumen sind es Nährstoffeintrag, Verbuschung sowie ungeeignete Graben- und Kanalreinigung.

Wichtig sind der Erhalt des Wasserregimes in Primärlebensräumen, sowie eine angepasste Pflege in Sekundärgewässern. Dazu gehört das Entbuschen/Auslichten von Ufergehölzen, eine Herbstmahd bei vegetationsreichen Hangmooren, eine einseitige Sommermahd von Bach- und Grabenufern sowie eine räumlich und zeitlich gestaffelte Entkrautung und Sohlenräumung von zuwachsenden Bächen und Gräben. Zusätzlich können Stauwehre gegen sommerliches Austrocknen eingerichtet werden.

  • Rote Liste: NT - Potenziell gefährdet
  • Nationale Priorität: 5 - Regionale Priorität
  • NHV: -

Ähnliche Arten

Orthetrum coerulescens muss besonders sorgfältig von der ähnlichen Orthetrum brunneum abgegrenzt werden, die allgemein häufiger und weiter verbreitet ist. Vor allem bei den Männchen kommen die beiden grösseren Blaupfeile (Orthetrum albistylum, Orthetrum cancellatum) sowie die blau gefärbten Männchen der Gattung Libellula ebenfalls als Verwechslungsarten in Frage. Die Weibchen müssen dagegen eher von Weibchen der Gattungen Crocothemis und Sympetrum unterschieden werden.

Orthetrum brunneum – Südlicher Blaupfeil
Bevorzugt stehende, vegetationsarme Pioniergewässer. Etwas grösser, ohne Antehumeralstreifen.
M: Abdomen ebenfalls komplett blau bereift. Stirn weisslich, Thorax komplett blau bereift. Flügelmal rötlich-braun und kleiner.
W: Abdomen braun-gelb. Flügelmal kurz. Unterseite von S8 bauchig erweitert. Schwarze, dünne Mittellinie auf Hinterleib mit schwarzen paarweisen Punkten auf beiden Seiten der Linie am Ende jedes Segments.

Orthetrum cancellatum, Orthetrum albistylum – Grosser, Östlicher Blaupfeil
M: Nur obere Hälfte des Abdomens blau bereift, untere Hälfte schwarz. Flügelmal schwarz.
W: Schwarze Längslinien auf Abdomenseiten.

Libellula fulva, Libellula depressa – Spitzenfleck, Plattbauch
M: Schwarzes Dreieck an Hinterflügelbasis, Abdomen breiter und flacher, Thorax dunkel.

Crocothemis erythraea – Feuerlibelle
W: Ebenfalls mit hellen Antehumeralstreifen und hellem Strich zwischen Flügelbasen. Heller Strich prominenter als Antehumeralstreien. Ockergelber Fleck an Hinterflügelbasis. Abstehende Legescheide.

Sympetrum spp. – Heidelibellen
W: Oft kleiner und deutlich zierlicher. Abdomen ähnlich gefärbt und gemustert, aber meist mit schwarzen Punkten in der Mitte von S8-S9. Selten mit deutlichen Antehumeralstreifen, stets ohne hellen Strich zwischen Flügelbasen. Augen nie komplett blau-grau.