• Familie: Coenagrionidae – Schlanklibellen
  • Gattung: Coenagrion – Azurjungfern
  • Art: Coenagrion mercuriale (Charpentier, 1840)
  •  

  • DE: Helm-Azurjungfer
  • FR: Agrion de Mercure
  • IT: Agrion di Mercurio, Azzurrina di Mercurio
  • EN: Mercury Bluet, Southern Damselfly

Wissenswertes

Coenagrion mercuriale ist in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet potenziell gefährdet und nirgends wirklich häufig. Darum verdient sie besondere Aufmerksamkeit. Um sie in der Schweiz bestmöglichst zu schützen und zu fördern, ist eine solide Datengrundlage zum aktuellen Vorkommen nötig. Da sie von den häufigeren Arten wie Coenagrion puella (Hufeisen-Azurjungfer) oder Enallagma cyathigerum (Gemeine Becherjungfer) nicht einfach zu unterscheiden ist, sind vermutlich noch lange nicht alle Vorkommen bekannt. Eine gezielte Suche, vor allem entlang von Wiesenbächen, könnte neue Standorte zutage bringen. Beobachtungen sollen fotografisch dokumentiert und gemeldet werden.

Coemer10 M VS01
Coemer11 M BK01
Coemer12 M SK
Coemer20 W SK01
Coemer21 W DK01
Coemer30 P SK01
Coemer31 P DK01

 

Merkmale

Gesamtlänge: 27-31 mm

Kleine, aber robust gebaute Azurjungfer. Immer mit gattungstypischem schwarzem Interpleuralstreifen an der Thoraxseite. Die hellen Antehumeralstreifen sind schmal und durchgehend. Männchen und Weibchen unterscheiden sich stark. Keine gut sichtbaren gemeinsamen Merkmale.

Männchen

Grundfarbe schwarz-blau, S2 mit schwarzem Kopf mit gehörntem Helm (Achtung: variabel), S3-S6 fast zur Hälfte schwarz, erscheint dadurch gleichmässig blau-schwarz geringelt. Segmente ohne seitliche schwarze Verlängerungsstriche, S3-S4 mit lanzettlicher Zeichnung. Pterostigmen innen dunkel, aussen hell.

Weibchen

Sehr ähnlich wie Coenagrion puella. Abdomen von oben fast komplett schwarz, Unterseite grünlich, selten blau. Pronotum-Hinterrand fast gerade, mit kleinem Lappen.

Jungtiere

Selbe Merkmale wie Adulte (Männchen/Weibchen), Farben blass und hell.

Belegfoto

M: Sicht auf Abdomen-Oberseite, S2 gut sichtbar.
W: Sicht auf Abdomen-Oberseite, Pronotum gut sichtbar.

Verbreitung

In Europa mit südwestlichem Verbreitungsschwerpunkt. In Mitteleuropa ist sie überall selten.

In der Schweiz kommt Coenagrion mercuriale nur nördlich der Alpen und meist in tiefen Lagen unter 700 m vor. Der höchste Fundort liegt auf 1200 m. Bekannte Vorkommen gibt es am Genfersee, im Jura, im Oberaargau, um Münchenbuchsee, im Luzerner Reusstal, um Giswil, in Uster und im Norden des Kantons Zürich.

 

Biologie

Phänologie

Schlupfperiode: Mitte Mai bis Mitte Juli
Flugzeit: Von Mai bis August, hauptsächlich Ende Mai bis Anfang August.

Lebensraum

In der Schweiz kommt Coenagrion mercuriale hauptsächlich an kalkreichen, langsam fliessenden und gut besonnten kleinen Bächen und Gräben mit gut ausgebildeter Submers- und Emersvegetation vor. Seltener besiedelt sie Kalkflachmoore (Schlenken und Rinnsale) oder Grundwasseraufstösse in Auen. Das Habitat ist dem von Coenagrion ornatum (Vogel-Azurjungfer) sehr ähnlich. Wichtig ist eine winterliche Eisfreiheit, ganzjährige Wasserführung, Quell- oder Grundwassereinfluss, wintergrüne Unterwasservegetation und eine gute Besonnung.

Lebensweise Imagines

Als Reifungs-, Jagd- und Ruhehabitat werden extensive Wiesenstreifen entlang des Enwicklungewässers genutzt.

Reife Männchen halten sich am Tag meist auf emersen Pflanzen und in der Ufervegetation auf, wo sie auf Weibchen warten. Hier wird auch die Paarung eingeleitet.

Die Eiablage findet im Tandem statt, manchmal auch alleine. Das Weibchen sticht die Eier in emerse Pflanzenstängel ein und kann dabei auch ganz untertauchen.

Coenagrion mercuriale schlüpft auf emersen Pflanzen oder in der Ufervegetation, meist einige Zentimeter bis Dezimeter über der Wasseroberfläche. Die Art ist mehrheitlich ortstreu und breitet sich über kurze Distanzen (wenige 100 m) meist entlang von offenen Fliessgewässern aus, sie kann aber auch einige Kilometer über die Landschaft fliegen und so neue Gewässer besiedeln.

Lebensweise Larven

Überwinterung im Larvenstadium. Entwicklungsdauer in der Schweiz meist 2 Jahre, im Mittelmeergebiet 1 Jahr. Die Larven halten sich in der Unterwasservegetation nahe der Wasseroberfläche auf. Im Winter befinden sie sich im Bodenschlamm. Sie ertragen weder ein Austrocknen noch ein Durchfrieren ihres Entwicklungsgewässers.

Gefährdung und Schutz

In der Schweiz ist die Art vom Aussterben bedroht (CR) und hat eine hohe nationale Priorität. Auch in Europa ist sie potenziell gefährdet (NT).

Hauptgefährdungsursachen: Intensive Räumung der Gewässersohle, Vernachlässigung der Pflege der Ufervegetation, Veränderung des Wasserhaushalts in Kalkflachmooren. Die Art hat in den letzten hundert Jahren stark abgenommen. Generell profitiert sie von den Anstrengungen im Gewässerschutz seit den 70er Jahren, die eine klare Verbesserung der Wasserqualität zur Folge hat. Auch die Erwärmung des Klimas mag sich positiv auswirken. Die Neuentdeckung mehrerer Standorte in den letzten Jahren ist aber klar auf gezieltere Nachsuchen zurück zu führen, und dürfen nicht als wirkliche Ausbreitung interpretiert werden. Für diese Art besteht weiterhin dringender Handlungsbedarf.

Schutzmassnahmen: In Kalkflachmooren ist abgesehen von einer jährlichen Streumahd keine Pflege nötig. Bei Wiesenbächen und -gräben ist der Gewässerunterhalt entscheidend, ähnlich wie bei Coenagrion ornatum. Einrichtung von Pufferzonen und ungenutzten Grünflächen entlang der Gewässer, Entbuschung schattiger Abschnitte, Durchführung der Böschungsmahd und Sohlenräumung im Herbst, nur abschnittsweise und zeitlich versetzt. 

Zum Artenschutzblatt

  • Rote Liste: CR - Vom Aussterben bedroht
  • Nationale Priorität: 2 - Hohe Priorität
  • NHV: Geschützt

Ähnliche Arten

Coenagrion mercuriale kommt fast überall zusammen mit ähnlich aussehenden und häufigen Arten wie Coenagrion puella, Enallagma cyathigerum oder Platycnemis pennipes vor. Deshalb ist es insbesondere bei kleinen Populationen von Coenagrion mercuriale nicht einfach die Art unter den anderen blau-schwarz gefärbten Arten zu finden. Zudem hat Coenagrion mercuriale die selben Lebensraumansprüche wie die bei uns ausgestorbene Coenagrion ornatum. Besonders schwierig ist die Unterscheidung der dunkel gefärbten Weibchen.

Coenagrion puella – Hufeisen-Azurjungfer
Länger aber schlanker, überall häufiger.
M: Mit schwarzer "U"-Zeichnung (Hufeisen) auf S2, S3-S6 mit schwarzen dünnen Ringen (1/4 Segmentlänge) und seitlichen Linien. Abdomen von oben betrachtet mit mehr, von der Seite betrachtet mit weniger Blaufärbung.
W: Dunkle Form sehr ähnlich, ebenfalls fast vollständig schwarz oberseits, grünlich unterseits. Pronotum-Hinterrand schwach-gewellt.

Enallagma cyathigerum – Becher-Azurjungfer
Thoraxseiten hell, ohne schwarze Interpleuralstreifen.
M: S2 mit Zeichnung eines Weinglases, breiter heller Ring zwischen S6 und S7, breitere Antehumeralstreifen.
W: Torpedoförmige Zeichnung auf Hinterleibssegmenten, S8 mit deutlichem Dornfortsatz an Unterseite.

Coenagrion ornatum – Vogel-Azurjungfer
In der Schweiz ausgestorben. Kommt im selben Habitat wie Coenagrion mercuriale vor. Beide Geschlechter mit gezähnten Postokularflecken.
M: Gestieltes W auf S2. Zeichnung auf S3-S4 stärker lanzettförmig.
W: Abdomen mit deutlichen blauen Bändern an den Segmentbasen. Pronotum-Hinterrand wellenartig mit kleinem Fortsatz im Zentrum.

Coenagrion spp. – Azurjungfern
M: Zeichnung auf S2 kein Merkurhelm (meist ein eindeutiges Merkmal).
W: Pronotum-Hinterrand stets anders geformt.

Platycnemis pennipes – Blaue Federlibelle
M: Hellblaue Grundfärbung, Schienen breit und gefiedert.

Erythromma viridulum und Erythromma najas – Kleines und Grosses Granatauge
W: Postokularflecken fehlend, Augen von oben rot-braun.

Ischnura pumilio – Kleine Pechlibelle
W: Flügelmale hell, rautenförmig und auf Vorderflügeln grösser als auf Hinterflügeln.